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Eine Landkarte als Taufschein - Uwe Schwarz
Eine Landkarte als Taufschein - Uwe Schwarz

"Eine Landkarte als Taufschein – von der Entdeckung Amerikas bis Columbus und Vespucci" vom 7. April 2016

Bekanntlich entdeckte Christoph Columbus 1492 die neue Welt – den neuen Kontinent Amerika. So sicher dieses historische Datum auch ist, so umstritten war die Person Columbus bei seinen Zeitgenossen und auch noch heute selbst 500 Jahre nach seinem Tod; es gibt wohl auch kein authentisches Bild von ihm. Und ebenso umstritten scheint bis heute die Namensgebung des neu entdeckten Kontinents Amerika durch den Kartographen Martin Waldseemüller zu sein. Über dessen geheimnisvolle Weltkarte von 1507, dem „Taufschein Amerikas“, berichtete der Geograph, Kartographiehistoriker und Buchautor Uwe Schwarz in seinem spannenden Vortrag am 7. April 2016 beim VDV-Bezirk Bonn.

Dabei holte der Redner weit aus, um das kartographische Bild des Ozeans „jenseits von Gibraltar“ in seinen vielfältigen Varianten auszubreiten. Zunächst schilderte er die Jahrtausende lange Besiedlung des amerikanischen Kontinents von pazifischer Seite vor 14.000 Jahren, über vermutete atlantische Ausflüge der Phönizier nach Südamerika etwa 500 Jahre v. C. und über die Erkundungsfahrten der Wikinger über Grönland nach Neufundland um 1000 n. C., denen aber kein dauerhafter Erfolg beschieden war. Auch mythische Seereisen wie die des Hl. Brendan zu der „Insel der Seligen“ oder zu den Fabelinseln „Brazil“ und den „Anti-Inseln“ wurden erwähnt. Sodann schilderte er das kartographische Bild des Mittelalters mit seinen typischen Rund- und T-O-Karten sowie die Neuentdeckung des geographischen Erbes des Ptolemaeus. Der Holzschnitt, der Kupferstich und der Buchdruck erleichterten die Neuausgaben der „Geographie“ von Ptolemaeus, die nun mit antiken und neuen Karten ausgestattet wurden. Diese Ausgaben vermehrten das geographische Wissen der globalen Welt und verursachten sowohl die Entdeckung des östlichen Seeweges nach Indien durch Vasco da Gama 1498 als auch den westlichen Seeweg in den fernen Osten durch Christoph Columbus 1492.

Columbus wird gemeinhin nachgesagt, bei seinen visionären Westfahrten auf die vorgelagerten Inseln des fernen Asiens, der Alten Welt, getroffen zu sein. Ob Columbus bis zu seinem Tod fest daran glaubte, auf seinen Westfahrten Asien und nicht einen neuen Kontinent entdeckt zu haben, lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit beweisen. Sein 1493 an Bord der Niña auf Höhe der Kanarischen Inseln verfasster erster Brief über seine Entdeckung war zwar in Europa eine Sensation, wurde mehrfach nachgedruckt und erschien 1497 in deutscher Version in Straßburg, blieb aber kartographisch ohne Wirkung. Demgegenüber erlebte Amerigo Vespucci (Americus Vesputius) bei seinen Reisen die karibische Inselwelt und die Nordostküste Amerikas (Brasilien) als einen neuen Kontinent. Sein ausführlicher lateinischer Bericht über die „Neue Welt“ („mundus novus“) erschien 1503 erstmals in gedruckter Form und fand bei den Gelehrten Europas großen Anklang. Nach damaliger Ansicht entdeckte Columbus für Spanien nur Inseln, hingegen Vespucci für Portugal ein großes Festland. Er hatte das Glück, dass seine zahlreich gedruckten Briefe zur richtigen Zeit auf dem richtigen Kartentisch lagen.

Vespuccis lebhafte Schilderungen seiner vier Reisen regten Matthias Ringmann an, den Kosmographen und Kartenmacher Martin Waldseemüller vorzuschlagen, in seiner 1507 publizierten Weltkarte (Cosmographia Universalis) die „Neue Welt“ nach dem Vornamen des Entdeckungsreisenden Amerigo Vespucci als „America“ zu benennen, wobei er die bisher für Kontinente übliche weibliche lateinische Schreibweise beibehielt. Waldseemüller platzierte diesen Namen sogleich in seine Welt- und Globuskarte; er schuf damit den „Taufschein Amerikas“. Die Weltkarte im Format von 2,36 x 1,32 m weist einen Maßstab von 1:15 Mio. auf. Ringmann als Urheber der Namensgebung lieferte den Kommentar (Cosmographiae Introductio) dazu. Von dieser Weltkarte gibt es heute nur noch einen Druck, der sich seit 2003 in der Washingtoner Library of Congress befindet. Die als unikal geltende Weltkarte wird in einer speziell klimatisierten Vitrine aufbewahrt und ist öffentlich zugänglich. Der „kulturbeflissene“ Bundeskanzler Gerhard Schröder stimmte seinerzeit einer Sondergenehmigung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg gemäß dem Kulturgutschutzgesetz zu, den Ausfuhrschutz für national wertvolles Kulturgut aufzuheben und damit den privaten Verkauf der Waldseemüllerkarte zu ermöglichen (Eigner: Fürstenhaus Waldburg-Wolfegg). Die Globuskarte aus zwölf aneinandergefügten Globussegmenten im Format 35 x 18 cm ergäben einen Globusdurchmesser von nur 12 cm. Fünf gedruckte Exemplare der Globuskarte sind überliefert, ein Globus dagegen ist nicht nachweisbar.

Der Name „America“ verwies aber nur auf den Südteil des Doppelkontinents. Gerhard Mercator bezeichnete auf seiner Weltkarte von 1538 schließlich auch den Norden des Doppelkontinents als „America“. Andere Kartographen übernahmen diese Schreibweise in ihren Kartenprodukten. Sebastian Münster schuf 1540 die erste selbstständige Amerikakarte. Und seit 1570 setzte sich der Name Amerika durch Abraham Ortelius endgültig durch. Im Jahr 2007 gab die Deutsche Post zum 500-Jahr-Gedenken eine Sondermarke heraus.

Nach dem Tod Ringmanns tilgt Waldseemüller kartographisch den Namen Amerika und verweist in der berühmten Ptolemaeus-Ausgabe von 1513 auf Columbus als den eigentlichen Entdecker. Das konnte an der einmal publik gemachten Bezeichnung „America“ nichts mehr ändern. Nur die Republik Kolumbien und ein Bundesstaat in Kanada sowie etliche Städte erhielten später den Namen des weltpolitisch folgenreichen Entdeckers.

Die kartographiehistorische Umschau von Uwe Schwarz, der sein Büro „GeoFan“ in Bensberg betreibt, beeindruckte alle Zuhörer und ermunterte sie, in dem von ihm herausgegebenen Buch über die vier Seefahrten des Amerigo Vespucci „Neue Welt Mundus Novus“ in der Edition Erdmann 2014 die Entdeckungsgeschichte Amerikas zu vertiefen.

Text: Manfred Spata
Bild: Kurt Andrä

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