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Verleihung des Goldenes Lotes 2007 an die Bundestagspräsidentin a.D. Prof. Dr. Rita Süssmuth am 19.10.2007 in Köln

Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth wurde 1937 in Wuppertal geboren, studierte von 1956 bis 1961 Romanistik und Geschichte an den Universitäten Münster, Tübingen und Paris. Im Anschluss an ihre Promotion in Philosophie (1964) war sie Dozentin an der Pädagogischen Hochschule Ruhr und Professorin für International Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. In dieser Zeit war sie Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Beratungskommissionen zur Jugend- und Familienpolitik für die damalige Bundesregie-rung. Süssmuth gehört seit 1981 der CDU an und war 1986 bis 2001 Bundesvorsitzende der Frauen-Union der CDU. Zwischen 1985 und 1988 war sie Bundesministerin für Jugend, Familie, Gesundheit später auch für Frauen.
Von 1988 bis1998 war Süssmuth Präsidentin des Deutschen Bundestages. Sie ist Vizepräsidentin der Parlamentarischen Versammlung (PV) der »Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE)« und stellvertretende Leiterin der deutschen Delegation bei der PV der OSZE. Von 2001 bis 2002 war sie Vorsitzende der Zuwanderungskommission der Bundesregierung, zwischen 2003 und 2005 Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und Integration und von Januar 2004 bis Dezember 2005 Mitglied in der »Global Commission on International Migration«. Seit Januar 2006 ist Süssmuth Präsidentin des Deutschen Polen-Instituts und Vorsitzende der »EU Hochrangigen Beratergruppe (High Level Group) für Integration von benachteiligten ethnischen Minderheiten in die Gesellschaft und den Arbeitsmarkt« sowie Mitglied im Kuratorium des OECD Entwicklungszentrumprojekts »Bereicherung durch Migration«.
Prof. Dr. Rita Süssmuth ist eine ausgewiesene Expertin in Zuwanderungsfragen. Sie arbeitet seit vielen Jahren auf Bundes-, EU- und UNO-Ebene zu dieser Herausforderung und Problematik. Es ist ihr Anliegen, tragfähige Lösungskonzepte für die Zukunft zu entwickeln. Angesichts der neu entfachten Debatte um Zuwanderung, diesmal vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, insbesondere auch im Ingenieurbereich, gewinnen die Überlegungen und Arbeiten von Rita Süssmuth an unerwarteter Aktualität: Die erfolgreiche Integration von Migranten ist nicht nur ein Testfall für unsere Gesellschaft, sie ist eine zentrale Zukunftsfrage.

Für ihre vielfältigen Leistungen ehrt der VDV Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth mit dem Goldenen Lot 2007.

Die Preisträger unter sich (von links): Dr. McKay (2004), Prof. Dr. Lucht (1998), Prof. Dr. Poretti (1995), Prof. Dr. Süssmuth (2007), Prof. Dr. Bonatz (2000), Dr. Burger (2005), Grunau (2003)

Rede des VDV-Präsidenten Dipl.-Ing. Wilfried Grunau anlässlich der Überreichung des Goldenen Lotes an Prof. Dr. Rita Süssmuth

- Es gilt das gesprochene Wort -

(Anrede)

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir einen kleinen Exkurs, um den Fokus des heutigen Abends ein wenig auf die Arbeit und Leistungen unserer heutigen Preisträgerin und ihrer Bedeutung für das Ingenieurwesen zu lenken.

Die Fragen, woran sich Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und der oder die Einzelne ausrichten, sind immer in Umbruchszeiten besonders griffig. „Globalisierung“ ist so ein Megatrend, der nach Maßstäben, nach Orientierung, nach Sitte und Anstand fragen lässt. Der Begriff „Globalisierung“ ist zum Schlagwort geworden. Gewarnt wird auf der einen Seite vor den „schrecklichen Folgen“ der Globalisierung, die eine eigenständige staatliche Wirtschaftspolitik unmöglich macht. Auf der anderen Seite wird die Globalisierung gepriesen als das Heilmittel zur Überwindung aller gegenwärtigen wirtschaftlichen Probleme. Man spricht deshalb einerseits von der „Globalisierungsfalle“ und den „Grenzen des Wettbewerbs“ und andererseits von „Systemwettbewerb“ und erhofft sich durch den Zwang der Globalisierung eine auf die Bürger und das langfristige Wohl der Gesellschaft hin ausgerichtete Wirtschaftspolitik.

Wie ist die Globalisierung und wie sind ihre Folgen zu bewerten? Was sind die Auswirkungen der Globalisierung? Nun, zunehmende Globalisierung führt zum Teil zu einer Angleichung von technologischem Wissen und Lebensstandard, aber auch zu einer Angleichung von Preisen und Löhnen – leider eben nicht überall und schon gar nicht zeitgleich. Internationaler Handel ist zwar gut für die Konsumenten, bringt aber auch hohen Anpassungsdruck für weniger wettbewerbsfähige Sektoren wie z.B. Landwirtschaft. Sicher ist: Die stärkere Internationalisierung verschärft den Wettbewerb zwischen den Firmen.

Ein besonderes Problem der Globalisierung besteht in der Migration. Die Wirtschaftstheorie hat dazu herausgearbeitet, dass eine größere Konvergenz, d.h. eine stärkere Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen den einzelnen Staaten entweder durch eine Migration oder durch internationalen Handel erreicht werden kann. Was heute neu ist und für uns eine besondere Herausforderung darstellt, ist daher nicht die Migration als solche. Es ist vielmehr die Migration im Rahmen der Globalisierung. Man muss nicht lange ausführen, dass Globalisierung letzten Endes der Prozess einer immer stärkeren Vernetzung von Menschen und Gesellschaft, Wirtschaft und Institutionen ist. Und dieser Prozess wird vorangetrieben durch die unglaubliche Entwicklung in den Kommunikationstechnologien – zu denen man im engeren Sinne die Systeme zur Übermittlung von Informationen, im weiteren Sinne aber auch Verkehrssysteme hinzurechnen kann.

Die Globalisierung hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Wirkungen in einem Maße, wie wir uns das früher nicht vorstellen konnten. Dass uns die Globalisierung sozial betrifft, hat mit der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt zu tun, die eben ihrerseits zunehmend global vernetzt sind.

Zuwanderung ist also keine Bedrohung, sondern höchsten eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Bekanntlich herrscht heute in der Techniknation Deutschland ein eklatanter Mangel an Ingenieuren. Die deutsche Bildungspolitik hat hier übrigens, dies sei nur am Rande erwähnt, meines Erachtens bereits vor vielen Jahren die Entwicklung verschlafen. Die derzeit günstige wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland führt also zu einer steigenden Nachfrage nach Fachkräften. Um diesen Bedarf kurzfristig zu decken, erleichtert die Bundesregierung nunmehr Ingenieurinnen und Ingenieuren aus mittel- und osteuropäischen EU-Staaten den Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt – (Sie kennen die Ergebnisse der Meseberger Kabinettsklausur). Aber: Arbeitskräfte sind nun mal nicht so mobil wie Kapital. Und auch kulturelle und sprachliche Voraussetzungen sind nicht derart, dass jeder in jedes Land wandern kann. Von daher sind der Migration (leider) immer noch Grenzen gesetzt.

In diesem Zusammenhang (nicht nur, aber auch) ist eine Diskussion entstanden, ob eine Migration ethisch befürwortet werden sollte oder nicht. Interessant dürfte der an dieser Stelle der Hinweis sein, dass die katholische Soziallehre ein Recht auf Emigration feststellt. Ein solches Recht auf Emigration hat natürlich nur dann Sinn wenn auch Immigration ermöglicht wird.

Theoretisch stehen ausländische Arbeitnehmer im Wettbewerb mit Inländern um Arbeitsplätze. Globalisierung bedeutet internationaler Wettbewerb um Arbeitsplätze.

Auf der anderen Seite nehmen in Deutschland Ausländer oft solche Plätze ein, die Deutsche nicht annehmen wollen, denn in bestimmten Berufen möchten einheimische Arbeitnehmer nicht arbeiten. Gelegentlich – oder sollte ich besser sagen: regelmäßig – klagen z.B. Landwirte, dass sie keine Aushilfskräfte finden, die während der Erntezeit mitarbeiten. Nur deshalb dürfen doch z.B. polnische Gastarbeiter während der Ernte helfen. Obgleich hierdurch keine deutschen Arbeitsplätze gefährdet sind, gibt es entwürdigende rechtliche Regelungen, was im Grunde genommen gegen ethische Vorstellungen, die katholische Soziallehre und auch christliche Nächstenliebe verstößt.

Rita Süssmuth hat sich immer für ein friedliches und konstruktives Zusammenleben zwischen Einheimischen und Zuwanderern eingesetzt, da sie dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Sprachen eine positive Wirkung zuspricht. Das kann ich uneingeschränkt bejahen. Auch ich meine, ein Zusammenleben ist machbar. Wie? Indem alle Beteiligten in einer Gesellschaft beispielsweise darüber nachdenken, was dafür und dagegen spricht, sich als Menschen zu verstehen, die Verantwortung für sich, für andere, für die Gesellschaft übernehmen wollen. Nicht, weil sie es gefälligst sollen, sondern weil sie sich als Menschen verstehen. Eine Verständigung über die Grundlagen einer Gesellschaft wird so möglich, ohne andere an den Pranger zu stellen. Am Ende kann sogar Einigkeit darüber entstehen, was in der Gesellschaft dringend getan werden muss, was für jeden „Pflicht“ ist, damit alle ein gelungenes Leben führen können. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Nicht nur als Vermessungsingenieure, sondern als Menschen allgemein müssen wir hier deshalb Grenzen verschieben, ja sogar aufheben.

Mit der Überreichung des „Goldenen Lotes“ möchte der VDV insbesondere die Gedanken und Aktivitäten von Frau Prof. Dr. Süssmuth in den Bereichen der Zuwanderung und Migration würdigen. Rita Süssmuth ist ausgewiesene Expertin in Zuwanderungsfragen. Sie arbeitet seit vielen Jahren auf UNO-, EU- und Bundesebene zu dieser Herausforderung und Problematik.

Es ist ihr Anliegen, tragfähige Lösungskonzepte für die Zukunft zu entwickeln. Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels, insbesondere auch im Ingenieurbereich, sind die Überlegungen und Arbeiten von Rita Süssmuth deshalb (wiederum) hochaktuell. Frau Süssmuth hat deutlich gemacht, dass in der Zuwanderung zwar ein Teil der Lösung für die Herausforderungen, denen sich unsere Gesellschaft heute stellen muss, liegt. Aber sie hat auch deutlich gemacht, dass es allein mit optimierten „technischen Aspekten“ von Zuwanderung nicht getan ist. Eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen von Integration ist insbesondere in veränderten mentalen Modellen in den Köpfen der Gesellschaft zu sehen. Und hier haben Sie, verehrte Frau Präsidentin, und tun es auch weiterhin, sich sehr engagiert.

Sie sind eine Vordenkerin – und dafür sprechen wir ihnen heute unseren Respekt mit der Verleihung des Goldenen Lotes aus.