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Fachgruppe Ingenieurvermessung des BILDUNGSWERK VDV: Studienfahrt 2018

10.01.2019 VDVinformiert Von Volker Schultheiß vor 252 Tagen


Das Auditorium im Rundeindicker Zeche Zollverein (Fotos: V. Schultheiß)

Vor dem Schachtgerüst Zollverein XII

Der Verladebahnhof Zollverein Schacht XII

Vor der Koksofenbatterie der Kokerei Zollverein

Während der Führung durch das Trainingsbergwerk

Die Seminarteilnehmer auf dem Gelände des Trainingsbergwerks in Recklinghausen

Gespanntes Zuhören während eines Vortrags der Bergbehörde NRW

Guido Baumann erklärt das Grubenbildarchiv

Vor dem Eingang in den Nachtigallstollen

Im historischen Stollen

Die alte Förderdampfmaschine aus dem Jahr 1887

Auf der Wanderung durch das Muttental erklärt Guido Baumann den Seminarteilnehmern verschiedene historische Plätze

Kurze Rast mit Gruppenfoto vor der Burgruine Hardenstein

Auf der Halde Hoheward vor dem Horizontobservatorium

Bericht der 5-tägigen Reise durch das Ruhrgebiet

Die alljährlich stattfindende mehrtägige Studienfahrt des BILDUNGSWERK VDV stand 2018 unter besonderen Vorzeichen. Zum Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus im Dezember letzten Jahres konnten die 38 Teilnehmer ein interessantes und vielseitiges Programm - von den historischen Ursprüngen des Ruhrgebietsbergbaus, bis hin zum heutigen Bergbau und seinem Strukturwandel - erleben. Thema des Seminars: „Schicht im Schacht - Der Ruhrbergbau ist ab Ende 2018 Geschichte“.

Die von der Fachgruppe „Ingenieurvermessung“ organisierte Reise begann am Mittwoch, den 3. Oktober 2018 im TRYP-Tagungshotel in Bochum-Wattenscheid. Fachgruppenleiter Volker Schultheiß begrüßte die Teilnehmer und stellte das Programm für die kommenden Tage vor. Ein Kurzfilm über den Ruhrbergbau stimmte auf das Thema des Seminars ein. Im Anschluss fand in lockerer und entspannter Atmosphäre ein „Get-together“ mit allen Teilnehmern im Hotelrestaurant statt.

Das erste Ziel dieser Studienreise war der Besuch des UNESCO-Welterbe „Zollverein“ in Essen. Mit einem Reisebus fuhren die Seminarteilnehmer morgens direkt zur ehemaligen Kohlenwäsche der Zeche, in der u. a. ein Besucherzentrum, das Ruhr Museum und das „Portal der Industriekultur“ untergebracht sind. Hoch hinauf in dieses Industriedenkmal ging es mit Deutschlands längster freistehender Rolltreppe. Im ehemaligen „Rundeindicker“ der Kohlenwäsche - eine architektonisch besondere Eventlocation mit unverwechselbarem Industriecharme - stand die erste Vortragsreihe auf der Tagesordnung. Dipl.-Ing Georg Hagmans und Dipl.-Ing Jörg Poetschki, zwei Mitarbeiter der Markscheiderei des Bergwerks Prosper-Haniel in Bottrop, referierten in einem 2-stündigen Vortrag über die Arbeiten auf ihrem Bergwerk. Hier konnte viel Wissenswertes über die Kohlegewinnung und über die vielseitigen Aufgaben der Markscheiderei (Vermessungsabteilung) auf einem aktiven Bergwerk vermittelt werden. Aber auch über die anstehende Schließung des Bergwerks wurde ausführlich informiert und diskutiert.

Vieles von dem zuvor erklärten, konnte anschließend auf einer großen Führung über das weitläufige Gelände der ehemaligen Zeche und Kokerei Zollverein bestaunt werden. Zollverein galt lange Zeit als die „schönste Zeche der Welt“ mit der größten Zentralkokerei Europas. Als letzte von insgesamt 291 Zechen in Essen wurde das Steinkohlenbergwerk Zollverein 1986 stillgelegt. Damit endete eine lange Tradition in der ehemals größten Bergbaustadt Europas. Bereits in den 1990-er Jahren organisierten ehemalige Bergleute erste Führungen durch ihre ehemaligen Arbeitsorte auf dem stillgelegten Industriegelände. 1993 wurde die benachbarte Kokerei Zollverein ebenfalls geschlossen. Beide Areale wurden in den folgenden Jahren umgebaut und die Industrieanlagen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In den Anlagen, Hallen und Räumen der historischen Kernbereiche von Zeche und Kokerei scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Diese bis heute authentisch erhaltene Bereiche bilden den „Pfad“, durch den sich wie ein roter Faden „der Weg der Kohle“ zieht. Von der Förderung der Kohle bis zur Verkokung. In zwei Gruppen machten sich die Teilnehmer auf diesen Weg und erlebten Einblicke in die verschiedenen Übertageanlagen, wie Schachthalle, Sieberei und Kohlenwäsche. Durch Mischanlage, Verladebahnhof und Bandbrücken ging es weiter zur ehemaligen Koksproduktion mit seinen Koksofenbatterien. Viel Wissenswertes über Technik und Architektur, über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergleute, Interessantes zur Natur und zum Wandlungsprozess Zollvereins von der einstmals modernsten und förderstärksten Steinkohlenzeche der Welt zum modernen Kulturstandort, wurden von den beiden Gästeführern vermittelt.

Nach einer Mittagspause stand der 3. Teil des Tagesprogrammes an: der Besuch der sehr sehenswerten Sonderausstellung „Das Zeitalter der Kohle - Eine europäische Geschichte“ in den imposanten Hallen der Mischanlage der Kokerei. Die Macher der Ausstellung haben sich einiges einfallen lassen, um die vielfältigen Themen und eindrucksvollen Exponate rund um die Kohle wirkungsvoll zu präsentieren und zu würdigen. Es ist eine faszinierende Zeitreise durch die geschichtlichen, technischen und kulturellen Dimensionen des Kohlebergbaus. Mit einer Standseilbahn werden die Besucher auf das Dach der Kohlebunkeranlage gefahren. Der spektakuläre Ausstellungsparcours führt dann über drei Ebenen - der Kohlenutzung folgend - nach unten. Geschafft von den vielen Eindrücken „auf Zollverein“ ging es dann zu Fuß zum verdienten Abendessen in ein historisches Bergmannslokal: „Das Fünf Mädelhaus“. Mit einem vielseitigen kulinarischen Ruhrgebiets-Buffet in rustikalem Ambiente, ließen die Teilnehmer den Abend gemütlich ausklingen.

Bereits um 8 Uhr am nächsten Morgen ging es mit dem Reisebus nach Recklinghausen zum Trainingsbergwerk der RAG Deutsche Steinkohle AG. Das Lehrbergwerk befindet sich unter einer Bergehalde der ehemaligen Zeche Recklinghausen. In einem Streckennetz von rund 1,2 km Gesamtlänge wurde der untertägige Bereich eines Bergwerks einschließlich aller gängigen Bestandteile der Gewinnungseinrichtungen, Streckenvortrieb und Schachtbereiche für Mitarbeiterfortbildungen realistisch und funktionsfähig eingerichtet. Das Besondere an diesem Trainingsbergwerk ist, dass man nicht nach unter Tage auf die 1000-Meter-Sohle einfährt, sondern zu ebener Erde bleibt. Bergmännisch eingekleidet besuchten alle Teilnehmer zuerst einen Vortragsraum, der in der Form eines Bergwerkstollens angelegt war. Dort trugen zwei „echte Bergmännern“ in einem humorvollen Kurzvortrag alles über die Geschichte und die Funktion des Trainingsbergwerks vor. In einem Film wurde der moderne Abbau der Steinkohle anschaulich dargestellt. Nach einer Kaffeepause ging es mit den beiden Steigern in zwei Gruppen durch die Strecken des Bergwerks. Hier wurden an verschiedenen Stationen die Arbeitsprozesse vorgestellt und teilweise von den Teilnehmern selbst ausprobiert. Nach über 2 Stunden endete die kurzweilige Tour kulinarisch mit Stullen und der ruhrgebietstypischen Currywurst. Nach einem obligatorischen Gruppenfoto und dem Umkleiden in der Kaue verließen die Seminarteilnehmer das Werksgelände mit vielen neuen Eindrücken und fuhren mit dem Bus nach Dortmund zum nächsten Ziel des Tages.

Im historischen Gebäude der Bergbehörde NRW fand das Vortragsprogramm am Nachmittag statt. Seit über 100 Jahren existiert die Bergbauverwaltung (vormals Landesoberbergamt) in Dortmund an der Groebenstraße. Die Behörde (Abteilung 6 „Bergbau und Energie in NRW“ der Bezirksregierung Arnsberg mit Sitz in Dortmund) ist zuständig für die Prüfung und Genehmigung bergbaulicher Vorhaben und hat die behördliche Aufsicht über die bergbaulichen Tätigkeiten. Im großen Sitzungssaal wurden die Seminarteilnehmer von Mitarbeitern der Behörde begrüßt. Dipl.-Ing. Heinz Roland Neumann, Leiter des Dezernat 65 „Markscheidewesen und Rechtsangelegenheiten“ stellte die Behörde vor. Hierbei konnte man einiges über die wechselvolle Geschichte des Hauses erfahren, aber auch viel über die derzeitigen und zukünftigen Aufgaben. Anschließend wurden in Vorträgen die unterschiedlichen Tätigkeiten thematisiert. Über das Risikomanagement der Bergbehörde NRW referierte Bergdirektor Jürgen Rotter. Über ein besonderes Projekt in der Ortschaft Schmidtheim in der Eifel berichtete Dipl.-Ing. Ralf Kleine-Vorholt. Hier ging es um bergtechnische Sicherungsmaßnahmen eines Erzstollens, von der Mulde zum Tagesbruch und von der Grubenbildrecherche zur Sicherung. Im 3. Vortrag erfuhren die Zuhörer von Dipl.-Ing. Andreas Mennekes, wie sich die Bergbehörde - als Träger öffentlicher Belange - von der Planung bis zur Beteiligung an Bauanträgen einbringt. VDV-Kollege Dipl.-Ing. Guido Baumann M.Eng. stellte anschließend dar, wie historische Kartenwerke und bergbauliche Recherchen als Grundlage für bergbauliche Auskünfte dienen. Zudem wurde das geobasierende Informationsportal für Bürger und Behörden vorgestellt. Nach einer Kaffeepause ging es dann in 2 Gruppen zu einer Führung durch das Amt. VDV-Kollegin Dipl.-Ing. Andrea Kleber führte durch das altehrwürdige Haus; mit Guido Baumann ging es zu einer Besichtigung in den Grubenbildarchivkeller. Mit vielen gewonnenen Informationen verließen die Teilnehmer im Anschluss die Behörde und fuhren zurück ins Hotel nach Bochum-Wattenscheid.

Wie Grün der Ruhrpott wirklich ist, erfuhren die Teilnehmer am nächsten Morgen bei der Busfahrt durch das südliche Ruhrgebiet zum nächsten Tagesziel ins Wittener Ruhrtal, der „Wiege des Ruhrbergbaus“. Die historische Zeche Nachtigall und das romantische Muttental standen auf dem Programm. Die Pionierzeit des Bergbaus wird hier lebendig. An keinem anderen Ort im Ruhrgebiet lässt sich der Übergang vom handwerklichen zum industriell geprägten Bergbau anschaulicher nachverfolgen. In den Anfangsjahren wurde die Kohle hier noch in waagerechten Stollen gefördert. 1832 kam der Schacht „Hercules“ - einer der ersten Tiefbauschächte des Reviers - hinzu. Noch bis 1850 galt die Zeche Nachtigall als leistungsfähigste Anlage des Ruhrreviers. 40 Jahre später konnte sie jedoch mit den modernen Großzechen nicht mehr mithalten. Heute gehört die Anlage zum westfälischen Landesmuseum für Industriekultur (LWL). Aufgeteilt in vier geführten Gruppen besichtigten die Teilnehmer den Ausstellungsbereich des Museums. Auf einer Reise durch 300 Jahre Industriegeschichte im Ruhrtal, wurden die Technik, Herausforderungen und die schweren Arbeitsbedingungen der Bergleute dargestellt. Ein Highlight bei dieser Besichtigung war die Vorführung einer historischen Dampffördermaschine von 1887. Der Höhepunkt war allerdings die Besichtigungstour durch das Besucherbergwerk Nachtigallstollen. Hier erlebt man die einzigartige Atmosphäre in einem untertägigen Abbaubetrieb. Durch dunkle Stollen und niedrige Gänge führte der Weg zu einem echten Steinkohlenflöz. Zurück an der Tagesoberfläche konnten noch die Außenanlagen der Zeche Nachtigall, mit Ziegelei und ein 35 Meter langes Kohlenschiff besichtigt werden. Im Infozentrum des GeoParks Ruhrgebiet wurde die Vielfalt der regionalen Bodenschätze und die geologische Entwicklung im Ruhrgebiet dargestellt. Nach den Besichtigungen trafen sich die Seminarteilnehmer bei schönstem Spätsommerwetter an einem historischen Eisenbahnwaggon auf dem Zechengelände, zu einem zünftigen „westfälischen Grünkohleintopf“-Essen.

Gestärkt von dieser Mahlzeit ging es im Anschluss auf eine 3-stündige Wanderung durch das beschauliche Muttental. Eingebettet in die idyllische Hügellandschaft des Ruhrtals führt der ca. 8 km lange Bergbaurundweg über Stollenzechen, Halden, Göpelschächte bis zum Bethaus der Bergleute in die frühe Industrievergangenheit. Mehr als 30 Zeugnisse des Bergbaus säumen diesen bergbaugeschichtlichen Weg. Dipl.-Ing. Guido Baumann erläuterte während dieser Wanderung an einigen Stationen die Ursprünge des Bergbaus, der Bergvermessung und der Kartierung aus markscheiderischer Sicht. Zwischendurch wurden immer wieder eine kurze Rast eingelegt, z. B. an der Burgruine Hardenstein (aus dem 13. Jahrhundert), von der man einen schönen Blick auf die Ruhr mit seinen malerischen Ufern hatte, oder bei der Verkostung eines guten 42%-igen Ruhrgebietslikör aus einer Wittener Hausbrennerei. Gegen 19 Uhr brachte der Bus die erschöpften Wanderer zurück zum Hotel.

Sonntag, 7. Oktober, der letzte Tag der Studienreise. Nach dem Frühstück ging es mit PKWs ins nördliche Ruhrgebiet nach Herten. Hier trafen sich die Teilnehmer vor der Lohn- und Lichthalle der ehemaligen Zeche Ewald. Eine Expedition zu Fuß auf die größte Haldenlandschaft Europas, dem „Landschaftspark Hoheward“ stand auf dem Programm. Vom imposanten Gipfel der Halde Hoheward (152 Meter über NN) hat man ein eindrucksvolles 360-Grad Panorama auf das gesamte Ruhrgebiet. Dazu ein überdimensionales Freiluftplanetarium mit zwei astronomischen Plateaus samt Horizontobservatorium und Sonnenuhr. Was hat Astronomie mit Steinkohle zu tun? Und was die Sonnenuhr mit den beiden Bögen auf der Halde? Um diese Fragen zu beantworten hatten die Organisatoren dieses Seminars zwei Experten von der Volkssternwarte Recklinghausen und vom Planetarium Bochum eingeladen. Die Herren Küpper und Wienstein erläuterten den Strukturwandel im Ruhrgebiet mit dem Landschaftspark Hoheward und gaben Auskunft zur Architektur und Funktion der riesigen Sonnenuhr und des Horizontalobservatoriums, das der Beobachtung der Bahnen von Sonne, Mond und Sternen dient. Hauptmerkmal des Observatoriums sind die beiden gigantischen Bögen - einer senkrecht, einer geneigt - mit einer Scheitelpunkthöhe von 46 Metern, die astronomische Bezugsebenen symbolisieren: Meridian- und Himmelsäquator. Verschiedene Peilmonumente ermöglichen astronomische Beobachtungen.

Beim Abstieg von der Halde konnten in der Ferne - bei schönstem Wetter und sehr klarer Sicht - viele Bergehalden, Zechenfördertürme und Landmarken des Ruhrgebiets ausfindig gemacht werden. Zurück auf dem Gelände der Zeche Ewald stand noch für Interessenten die interaktive Ausstellung „Neue Horizonte - Auf den Spuren der Zeit“ zum Besuch an. In dieser Ausstellung dreht sich alles um die Astronomie.

Mit diesem Programmpunkt endete auch diese 5-tägige Studienfahrt. Bei einer kurzen Schlussbesprechung zogen die beiden Organisatoren Andreas Hesterkamp und Volker Schultheiß ein Resümee der Veranstaltung und verabschiedeten die Seminarteilnehmer, die anschließend die Heimreise antraten.

Der Bergbau ist mittlerweile Geschichte. Die letzte deutsche Steinkohlenzeche ist geschlossen und die jahrhundertalte Ära des Kohleabbaus im Ruhrgebiet beendet. Mit einem bewegenden Festakt auf dem Gelände der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop ist am 21. Dezember 2018 das Ende des Steinkohlenbergbaus in Deutschland besiegelt worden. Die durchgeführte Studienreise sollte somit auch eine Würdigung dieser glorreichen Epoche sein. Zu Hochzeiten in den 1950er Jahren arbeiteten in den Zechen des Ruhrgebiets rund 500.000 Menschen und brachten Wohlstand in das Nachkriegs-Deutschland und den Beginn des geeinten Europas. Kohle und Stahl haben nicht nur die Landschaft und Infrastruktur geprägt. Die Organisatoren hoffen mit diesem Seminar die Bergbaugeschichte und Tradition, aber auch den nun folgenden Strukturwandel anschaulich dargestellt zu haben. Bei allen Behörden, Firmen und Organisationen, die uns dabei unterstützt haben möchten wir uns ganz herzlich bedanken.

Glück Auf!