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Besichtigung eines Kernkraftwerk-Simulators in Essen

18.04.2012 Bezirk Duisburg Von Adalbert Nagel vor 8 Jahr(en)


Bild 1: Das Simulatorzentrum im Deilbachtal in Essen-Kupferdreh

Bild 2: Glasmodell eines Druckwasserreaktors

Das aktuelle Thema „direkter oder späterer Atomausstieg“ führte eine kleine Gruppe von VDV-Mitgliedern des Bezirkes Duisburg, organisiert vom Bez.-Vorsitzenden Dipl.-Ing. (FH) Adalbert  Nagel, am 24.05.2012 zum Simulatorzentrum für Kernkraftwerke nach Essen-Kupferdreh.

 

Das Zentrum besteht aus der Kraftwerks-Simulatorgesellschaft mbH (KSG) und der Gesellschaft für Simulatorschulung mbH (GfS) und liegt ein wenig versteckt im Deilbachtal (Bild 1). Vorgesehen war eine Kurzpräsentation der KSG/GfS mit den Themen: Organisatorisches, Aufgabenstellung und Überblick Simulatortraining. Die Betreuung wurde an unserem Besuchstag von dem Ausbilder Herrn Dipl.-Phys. Talleur vorgenommen. Der Vortrag begann mit der theoretischen Einführung.

 

Das Simulatorzentrum (im folgenden Text mit SZ abgekürzt) schult das verantwortliche Betriebspersonal fast aller deutschen KKW, dazu kommt ein niederländisches KKW. In Deutschland werden 17 Anlagen an 12 Standorten betrieben. Das SZ hat es sich zur Aufgabe gemacht, alle KKW-Typen in ihrem technischen, physikalischen und zeitlichen Verhalten darstellen zu können, damit die besonderen Anforderungen, die an das verantwortliche Schichtpersonal in der Prozessführung eines KKW gestellt werden, simuliert werden können. Da ein Mensch allein nur durch theoretische Schulung nicht in der Lage ist, hochkomplizierte Störfälle in „seinem“ KKW in kürzester Zeit in den Griff zu bekommen, wird also im Kontrollraum - der Warte - das jeweilige KKW nachgebildet. So fühlt er sich in „seiner“ Anlage (Referenzkraftwerk) und kann das Simulierte deutlich besser auf sein Stamm-KKW übertragen. Aufgabe des Ausbilders ist es also, komplizierte Anlagenfahrsituationen, die auf recht komplexen physikalischen Hintergründen basieren oder die verfahrens- oder leittechnisch hochkompliziert ablaufen, zu simulieren. Trainiert werden auch hohe Stressbelastungen, in dem überraschend viele Alarme, Meldungen und optische Signale gleichzeitig simuliert werden. Das Schichtteam, bestehend aus dem Schichtleiter (Ingenieur), dem stellvertretenden Schichtleiter (Meister oder Techniker) und 2 oder 3 Facharbeiter (Reaktorfahrer), muss aus der Informationsflut das Wesentliche herausfiltern, analysieren und einen möglichst erfolgreichen Strategieplan entwickeln. Durch ständiges repetieren dieser Abläufe werden die Schulungsziele erreicht. Alle Abläufe werden in Echtzeit gefahren. Durch die Vielschichtigkeit der physikalischen, chemischen und thermodynamischen Prozesse und Abläufe bei einer Simulation muß eine hohe Zahl von komplizierter, mathematischer Gleichungen aufgestellt werden. Das erfordert eine immens hohe Rechenleistung, also anspruchsvolle Rechner, um das Organisationsprogramm korrekt entstehen zu lassen.

 

Mittels einer Power-Point-Präsentation führte uns Herr T a l l e u r  kurz in die Betriebsweise von KKW’s ein mit der Erklärung der verschiedenen Reaktortypen. So gibt es den Thorium-Hochtemperaturreaktor  bei Hamm (Kühlmitteltemperatur ab 750° C), den Leichtwasserreaktor Krümmel (KM-Temp. bis 330° C), den Siedewasserreaktor Krümmel (KM-Temp. 215° C), den Druckwasserreaktor Brokdorf (KM-Temp. ab 291° C), den Schnellen Brüter (KM-Temp. bis 550° C) und den Siedewasser-Druckröhrenreaktor in Tschernobyl (KM-Temp. ab 270° C). Herr Talleur weist noch einmal daraufhin, dass den Ausbildern als wesentliche Schulungsgrundlage „Das Kompendium der Simulatorschulung“ dient. Das Nachschlagewerk umfasst 20 Kapitel mit theoretischen und praktischen Hinweisen für die Ausbildung.

 

Nach dieser geballten Information führte uns Herr Talleur quer durchs mit Sicherheitsschleusen versehene Gebäude in eine Schulungswarte. Die Mitarbeiter bzw. „Schüler“ hatten bereits Feierabend. Leider blieb es auch hier bei der Theorie - tlw. werden bei Führungen auch Simulationen an den Schalttafeln und -pulten vorgetragen - , so dass mehr Fragen beantwortet werden konnten. So erfuhren wir z. B., dass die Gesamtanlage eines KKW im Wesentlichen aus 4 Gebäudekomplexen besteht: dem Reaktorgebäude, dem Maschinenhaus, dem Schaltanlagengebäude und der Kraftwerkswarte, wie bereits erwähnt, in der wir jetzt stehen. Wenn man die Vielzahl der Schalttafeln, -pulte, Monitore, Reaktorschutztafeln, Steuerungs- und Informationseinrichtungen, optischen und akustischen Signale sieht und hört, und die es zu beherrschen gilt, begreift man erst so richtig, wie sehr den Verantwortlichen eine hochqualifizierte Ausbildung wichtig ist. Wegen der erforderlichen sehr hohen Sicherheit der Kraftwerksführung setzt also die Bundesregierung für das Schulungszentrum immense Summen Geldes ein. Neuerungen in den Realanlagen werden auch auf die Schulungssysteme - also den Simulatoren - übertragen… soweit die finanziellen Mittel zur Verfügung stehen. Auch in der Realanlage spielt die Warte eine zentrale Rolle. Noch kurz den „Störfallentscheidungsbaum“ - eine Analysehilfe - erklärend, treibt uns Herr Talleur zur fortgeschrittenen Stunde wieder durchs Gebäude.

 

Den Rechnerraum streifend wurden die interessierten Teilnehmer der Veranstaltung weiter zu einem Glasmodell eines Druckwasserreaktors geführt (Bild 2). Herr Talleur erläutert auch hier die Funktionsweise. Im Anschluss an die Führung folgte eine lebhafte Abschlussdiskussion über die Sicherheitsstandards der KKW. So wurde uns erklärt, dass es im Südwesten Deutschlands erdbebengefährdete Gebiete gibt. Hier müssen in den Reaktoren die Erdbeben-Messgeräte verbessert bzw. neue Geräte installiert werden. Zudem gäbe es nicht überall umfassende Regeln, was bei einem schweren Unfall zu tun wäre. Aber gegenüber dem Nachbarn Frankreich, der vollständig auf Atomstrom setzt - 19 KKW’s - ist unsere Sicherheitsmängelliste geradezu bescheiden. Das haben die sog. „Stresstests“ der Experten der EU-Kommission erst vor Kurzem ergeben.

Weiter wurde diskutiert über die kurzfristige Abschaltung deutscher KKW’s und evtl. Folgen für den Strommix. Obwohl wir noch zahlreiche vornotierte Fragen auf den Lippen hatten, mussten wir uns schließlich mit der letzten Information, nämlich dass Ausbildungszentrum pro Jahr rd. 500 Kurse anbietet und die Leistungsgrößen der Kunden-KKW zwischen 350 und 1.500 MW liegen, zufrieden geben. 3 Stunden waren nun vergangen.

Erwähnenswert ist noch, dass wir mit reichlich belegten Brötchen und diversen Getränken für unser Interesse belohnt wurden. Der sehr informative Nachmittag endete gegen 19 Uhr. Herzlichen Dank Herr  T a l l e u r, dessen Arbeitsplatz noch für die nächsten 9 Jahre gesichert ist, herzlichen Dank der Gesellschaft für Simulatorschulung.