zum Content

Bad Liebenwerda - Reissmuseum und Stadtführung

09.05.2018 Bezirk Brandenburg Von Dieter Badstübner vor 2 Jahr(en)


Termin: 30.04.2018 08:00-18:00
Ort: Bad Liebenwerda


Die Teilnehmergruppe (Foto: Dietmar Menzel)

Robert Reiss (Foto: Fa. Reiss)

Vermessungstechnik (Foto: Fa. Reiss)

Es ist besser, mit eigenen Augen zu sehen als mit fremden.

Auf Einladung des VDV-Bezirksvorstandes Brandenburg machten sich 22 Mitglieder und Gäste am 30. April 2018 auf zu einer Fachexkursion in die idyllische Kurstadt Bad Liebenwerda an der Schwarzen Elster. Ziel der Reise war die Firma REISS Büromöbel GmbH, genauer gesagt, die in dem Werksgelände aufgebaute historische Sammlung von Vermessungsinstrumenten, Zirkel, Rechenstäbe, Kartier- und Zeichentischen sowie Lichtpaustechnik. Die Besucher wurden am Werkstor von Dietmar Menzel, Geschäftsführer a.D. der REISS Büromöbel GmbH empfangen, zur und durch die Ausstellung geführt. Dietmar Menzel ging in seinem einleitenden Vortrag besonders auf den Firmengründer Robert Reiss und dessen Sohn Paul ein, denen es gelungen war, aus einem bescheidenem Anfang heraus ein weltweit agierendes Unternehmen aufzubauen.

Ein ganz "normales" Unternehmen war REISS wohl nie, ein ambitioniertes aber schon immer. Mit seinem 1882 gegründeten Versandhandel löste Robert Reiss zunächst ein logistisches Problem vieler Vermesser, die immer unterwegs waren und sich jetzt alle Artikel anliefern lassen konnten. Seine innovativen Produktideen brachten das Unternehmen bald zum Florieren und machten es weit über die Grenze des Deutschen Reiches hinaus bekannt. Um 1900 vertrieb REISS nicht nur Mess-, Rechen- und Zeichentechnik sondern produzierte auch geodätische Präzisionsinstrumente selber und baute daneben die Produktion von Lichtpaustechnik sowie Büromöbel weiter aus. 1910 wurde bei REISS der erste Steh-Sitz-Schreibtisch "Reform" Deutschlands entwickelt und hergestellt. Auch nach dem Tod von Robert Reiss 1911 entwickelte sich das Unternehmen unter Leitung seines Sohnes Paul sehr erfolgreich weiter. 1921 wurde die erste Laufwagen-Zeichenmaschine "Phoenix" hergestellt, die namentlich als REISS-Brett in die Industriegeschichte einging. 1928 wurde das 20.000ste Vermessungsinstrument produziert. 1930 umfasste die Produktpalette über 800 verschiedene Erzeugnisse.

Nach dem ersten Weltkrieg kam es „nur“ zu Produktions-Beschränkungen, aber nach dem zweiten Weltkrieg wurde es für REISS bedrohlich. Der Betrieb wurde vollständig demontiert und stand, da er Rüstungsgüter (Zielfernrohre) produziert hatte, noch 1947 vor der völligen Zerschlagung und Sprengung der Gebäude. Die verbliebenen „Reissianer“ waren mehr als zufrieden, dass wegen der bereits kurz nach Kriegsende eingeleiteten Herstellung von dringend benötigten einfachen Gebrauchsgütern davon abgesehen wurde. Zwei Jahre später konnte REISS sogar die traditionelle Produktion von Theodolite, Nivellieren, Latten und Stäben wieder aufgenommen. Die sozialistische Planwirtschaft hatte aber ab 1949 andere Pläne, und verlagerte die Produktion zum VEB Carl Zeiss Jena und zum VEB Freiberger Präzisionsmechanik. Somit wurde Vertreib und Produktion von geodätischen Vermessungsinstrumenten sowie Zubehör nach endgültig 68 Jahren eingestellt. Man konzentrierte sich auf Zeichenanlagen, Lichtpauseinrichtungen, mathematische Geräte und analoge Rechenhilfsmittel. Der 500.000ste Rechenschieber wurde 1957 ausgeliefert. Hauptprodukt der damaligen VEB Messgerätebau- und Zeichentechnik Bad Liebenwerda war ab 1957 REISS-Brett. Man wurde damit zum führenden Hersteller in Europa. Zu dieser Zeit unterhielt das Unternehmen Handelsbeziehungen auf allen Kontinenten in etwa 35 Länder. In den achtziger Jahren gehörte der Betrieb zum Kombinat Robotron und begann sich zunehmend auf die Produktion von Plottern um zu stellen. 1987 wird bereits der tausendste Flachbettplotter ausgeliefert und große Investitionen für die Weiterentwicklung in die Wege geleitet, die aber durch die politische Wende 1989 gestoppt werden.

Da es keine Abnehmer für diese Produkte mehr gab, bewies das Unternehmen mit der Entscheidung, ausschließlich für den Büromöbelmarkt zu produzieren wieder einmal große Flexibilität und es stellte sich als Vorteil aus, dass die Firma bereits ab 1903 auch dieses Segment bedient hatte, dass ausbaufähig war.

Heute ist REISS-Büromöbel GmbH ein traditionsbewusstes, mittelständiges Unternehmen, das hochwertige und komplette Büroeinrichtungen für Verwaltung, Industrie und Gewerbe nach modernstem Standard stellt herstellt.

Der gelungene und zur Nachahmung empfohlene Besuch der Firma REISS wurde abgerundet durch einen geführten Rundgang durch eine liebevoll restaurierte Innenstadt mit einer über 800 jährigen Geschichte.

Siehe auch: VDVmagazin 5/2016 - 135 Jahre Innovation aus Brandenburg - Herrmann Robert Reiss, ein Landvermesser mit Vision,