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Fachvortrag: Baumaßnahmen des Bundes zur Verbesserung des Verkehrsträgers Wasserstraße

10.03.2009 Landesverband Berlin/Brandenburg vor 11 Jahr(en)


Termin: 09.03.2009
Ort: Hochstraße 2-3, 13357 Berlin-Gesundbrunnen


Wir machen Schifffahrt möglich

 

Alle Prognosen beim Gütertransport in Deutschland sagen zur zukünftigen Entwicklung in den nächsten 10 bis 20 Jahren das Gleiche aus: Die Straße wird die Steigerungen im Aufkommen des Güterverkehrs nicht bewältigen können. Deshalb sind verkehrspolitische Alternativen vorzubereiten. Neben der Schiene bieten vor allem die Wasserwege mit dem Verkehrsträger Schiff eine ideale Alternative. Aber die Güter kommen nicht von allein von der Straße auf das Wasser.

 

Die dem Bundesministerium für Verkehr-, Bau und Stadtentwicklung nachgeordnete Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) ist zuständig für die Verwaltung der Bundeswasserstraßen und für die Regelung des Schiffsverkehrs. Das Wasserstraßen-Neubauamt (WNA) Berlin ist eine 3. Oktober 1990 gegründete Unterbehörde in der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost, die als Bündelungsstelle für Investitionen an den Bundeswasserstraßen in Berlin und Brandenburg zuständig ist. In ihr sind 110 Mitarbeiter/innen tätig, das Bauvolumen beträgt ca. 50 - 80 Mio Euro pro Jahr bei einem Projektbestand von insgesamt rd. 1 Mrd. Euro. Im Rahmen seiner Bauherrenaufgabe beauftragt und überwacht das WNA die Bauausführung und übergibt fertiggestellte Bauwerke an das jeweilige Wasser- und Schifffahrtsamt

 

Zu diesem Themenbereich referierte Dipl.-Ing. Hendrik Hampe, Leiter Flächenmanagement, Geodaten, Beweissicherung des WNA Berlin, am 10.März 2009 für Mitglieder und Gäste des Landesverbands Berlin-Brandenburg über

  • Ausbaugrundsätze bei Wasserstraßen
  • Moderne Flottenstruktur und künftige Verkehrsentwicklung
  • Baumaßnahmen
  • Sicherheitsrelevante Maßnahmen
  • Ingenieurvermessung im WNA

 

Ausbaugrundsätze bei Wasserstraßen

 

Ein Schwerpunkt der vom WNA Berlin wahrgenommenen Aufgaben liegt in der Umsetzung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nr. 17, das den Ausbau der Wasserstraßenverbindung Hannover-Magdeburg-Berlin vorsieht. Mit diesem Projekt erhalten die neuen Bundesländer einen leistungsfähigen Wasserstraßenanschluss an das westeuropäische Kanalnetz und damit Zugang zu den Nordseehäfen. Der Ausbau erfolgt für 110 Meter lange Großmotorschiffe mit 2.000 Tonnen und 185 Meter lange Schubverbände mit 3.500 Tonnen Tragfähigkeit.

Das Verkehrssystem Schiff-Wasserstraße kann Lasten mit vergleichbar geringem Energieaufwand und mit weniger Schadstoffemissionen als die Verkehrsträger Straße und Schiene transportieren. Der Rat der Europäischen Gemeinschaft hat deshalb die Empfehlung ausgesprochen, den Ausbau eines einheitlichen europäischen Wasserstraßennetzes zu fördern.

 

Der Aufgabenbereich des WNA Berlin beginnt ist östlich der Schleuse Wusterwitz beim Wendsee und endet an den Ausbaugrenzen am Güterverkehrszentrums (GVZ) Wustermark, am Westhafen in Berlin und in Richtung Stettin (Szczecin) an der Oder mit dem Ziel:

  • Funktionserhalt der Wasserstraße,
  • Aufwertung der Industrie- und Gewerbestandorte zwischen Berlin und Stettin (Szczecin)
  • Erreichen der Wirtschaftlichkeitsschwelle für den Containerverkehr (4 Container neben- und 2 übereinander)
  • durchgängig 4,50 m Brückendurchfahrtshöhe zwischen Berlin und Stettin (Szczecin)
  • Zulassung von Güterschiffen mit 115 m Länge und 11,45m Breite (Großmotorgüterschiff) in Verbindung mit weiteren Bauvorhaben: Erhöhung der Abladetiefe auf 2,20 m (heute 1,60 m bis 1,90 m)

 

Fertiggestellt bzw. kurz vor der Vollendung sind der Silokanal in Brandenburg, der Westhafenkanal in Berlin, die Schleusen Berlin-Charlottenburg und Berlin-Spandau sowie der erste Abschnitt des Havelkanals in Verbindung mit dem Hafen des GVZ Wustermark. Zahlreihe Eisenbahn- und Straßenbrücken sind mit einer größeren Durchfahrtsbreite und -höhe neu zu bauen. Weitere spektakuläre Maßnahmen, wie die Spree-Oder-Wasserstraße, der Sacrow-Paretzer-Kanal, das zweite Hebewerk Niederfinow oder der Teilneubau der Schleuse Kleinmachnow sind in der Vorbereitung.

Für die mit der Baumaßnahme verbundenen Eingriffe in Natur und Landschaft ist eine Reihe von Kompensationsmaßnahmen vorgesehen und zum Teil schon ausgeführt worden. An der Staustufe Brandenburg wurde ein Umgehungsgerinne für Fische und andere Tiere bereits fertig gestellt. Polderflächen bei Schmergow und Krielow erhielten eine Aufwertung durch naturnahe Bewirtschaftung und teilweise Wiedervernässung. Eine Vielzahl von Waldflächen wird ökologisch umgestaltet oder auf feuchten Standorten renaturiert. Diese Flächen gehören zu Flächenpools, die von der Flächenagentur Kulturlandschaft Mittlere Havel und von der Bundesforstverwaltung betreut werden.

 

 

Die Untere Havel-Wasserstraße zwischen der Stadt Brandenburg/Havel und Potsdam ist eine Kulturlandschaft, die durch Wasserbauer geprägt wurde. So verbindet der Sacrow-Paretzer Kanal aus dem Jahre 1874/75 die Havel östlich von Ketzin mit der Havel in der Region Berlin/Potsdam die natürlichen Seen (Länge ca. 13 km). Der Havelkanal ist unter Einbeziehung einer schon vorhandenen Kanaltrasse in den Jahren 1951/52 entstanden und erfährt bereits seit 2007 eine Anpassung für die moderne Schifffahrtsflotte. Der Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals entspricht der im Brandenburgischen Landesplanungsgesetz festgelegten Zielstellung, den Anteil der Binnenschifffahrt am Güterverkehrsaufkommen erheblich zu steigern und die Verkehrssysteme untereinander optimal zu verknüpfen. Bei der Umsetzung sind die Auflagen aus dem Raumordnungsverfahrenvon 1996 zu berücksichtigen. Der Ausbau soll in zwei Losen erfolgen. Los 1 UHW-km 19,90 bis 27,70 (östlicher Abschnitt) und Los 2 UHW-km 27,70 bis 32,61 mit Mündungsbereich Havelkanal. Für die Bauausführung sind 6 Jahre vorgesehen. Baubeginn ist 2010. Vorbereitende Arbeiten für  die natur- und artenschutzfachliche Untersuchungen und Holzungen werden aber bereits in 2009 stattfinden. Die geplanten Baukosten betragen ca. 65 Mio €. Die Auswirkungen der Maßnahmen auf 12 zu schützenden historischen Bauwerke der Potsdamer Kulturlandschaft (UNESCO – Weltkulturerbe) wurde einvernehmlich mit der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten Berlin–Brandenburg abgestimmt. Garantiert wird, das die Maßnahmen keine vorhabensbedingten Auswirkungen auf die Bauwerke (z.B. Sacrower Heilandskirche), keine bauwerksgefährdenden Wasserstandsabsenkungen, keine relevante schiffsinduzierte Wellenbelastung und keine Auswirkung auf Bauwerke aus Sohlvertiefung haben werden.

 

Schleuse Kleinmachnow im Teltowkanal

Mit dem Ausbau des Teltowkanals wird eine bessere Anbindung des Berliner Südens und des Hafens Königs Wusterhausen angestrebt. Im Frühjahr 2010 wird der Ausbau der Nordkammer auf eine nutzbare Länge von 185m und Breite von 11,45 m beginnen. Zusammen mit der vorgezogenen Ufersicherung im unteren Vorhafen werden Baukosten in Höhe von 42 Mio € entstehen. Mit einer Bauzeit von 3,5 Jahre ist zu rechnen. Der Bauablauf sieht die Ertüchtigung der Mittelkammer, die Sanierung der Turmgebäude, den Ausbau des oberen und unteren Vorhafens und zuletzt den Neubau der Nordkammer vor.

 

Ufersicherung Teltowkanal

Der aktuelle Ausbauzustand dieses innerstädtischen Kanals aus dem Jahre 1906 ist charakterisiert durch bis 17 m tiefen Geländeeinschnitten und übersteile Böschungen. Diese gefährden die Standsicherheit der Uferbereiche, der 8 Brückenbauwerke und 45 Anlagen und z.T. denkmalgeschützte Bauwerke (Uhlsteinhaus). Besonders gefährdete Stellen müssen daher durch das WNA Berlin provisorisch unter Aufrechterhaltung des Schiffsverkehrs gesichert werden. Die Herstellung von senkrechten Uferverläufen, die Errichtung einer Böschungssicherung durch Verbauwände, die Errichtung einer Liegestelle mit Betriebsweg, die Herstellung eines Uferwanderweges am Nordufer ist unter Berücksichtigung von Sicherheitsmaßnahmen durchzuführen. Neben Vorgaben für die Baudurchführung sind Beweissicherungskonzepte zu erstellen, Grenzwerte für Bewegungen zu ermitteln und die Messungen durchzuführen oder zu überwachen.

 

Hebewerk Finow bei Eberswalde

Über die Havel-Oder-Wasserstraße besteht eine Verbindung des Berliner Nordens zum Seehafen in Stettin (Szczecin). Das neue Hebewerk zum Überwinden des Geländesprunges von rund 36 m wird zwischen der nördlich gelegenen alten Schleusentreppe und dem bestehenden Hebewerk errichtet. Das neue Schiffshebewerk wird als Senkrechthebewerk mit Gewichtsausgleich errichtet. Die nutzbare Länge des Troges wird 115 m, die nutzbare Breite 12,5 m betragen. Damit können Großmotorschiffe das Hebewerk passieren und die in den neuen Bundesländern häufig genutzten 114 m langen Verbände aus Schubschiff und drei Leichtern brauchen für die Passage nicht entkoppelt zu werden. Die Bauzeit beträgt rund fünf Jahre.

 

Die Ingenieurvermessung des WNA umfasst das Umfeld aller geodätischen Fachbeiträge zur Planung, Ausführung, Dokumentation und Beurteilung technischer Objekte.

 

  • Tragwerksplanung
  • Objektplanung
  • Genehmigungsplanung
  • Flächenmanagement
  • Landschaftsplanung für Kompensationsmaßnahmen
  • Ausschreibung und Vergabe von Bauleistungen
  • Kontrollmessungen beim Baufortschritt
  • Örtliche Bauüberwachung
  • Baubestandsunterlagen
  • Baugeometrische Beweissicherung

 

Von besonderer Bedeutung für die Ingenieurvermessung ist dabei, dass Baugeschehen heutzutage häufig durch Haftungs- und Entschädigungsfragen geprägt sind. Ein Planfeststellungsverfahren kann nach § 19 WaStrG technisch-reale Maßnahmen zur baugeometrischen  Beweissicherung vorschreiben. Selbst wenn Maßnahmen zur Beweissicherung nicht ausdrücklich genannt werden, sind Vorkehrungen zu treffen. Die Beweislast, die grundsätzlich beim geschädigten Anspruchsteller liegt, kann sich im Einzelfall schnell umkehren und auf Seiten des Bauherrn und Trägers des Vorhabens liegen.

Das WNA sorgt hier dafür, dass im erforderlichen Umfang Beweise gesichert werden. Es betreibt deshalb ein Risikomanagement mit dem Ziel, Maßnahmen zur Erkennung, Überwachung und Minimierung von Risiken für Personen und Sachen einzuleiten.

 

Besonders die zu erwartenden Wechselwirkung zwischen Bauwerk und Baugrund, die möglichen schadensrelevanten Auswirkungen auf die eigene Baumaßnahme und auf die im Außenbereich liegenden anderen Bauwerke sind zu ermitteln. Diese interdisziplinäre Aufgaben werden wahrgenommen durch:

  • Geotechnische Messungen
  • Hydrogeologische Messungen und
  • Ingenieurvermessung 

Dipl.-Ing. Hendrik Hampe beendete sein mit viel Sachverstand vorgetragenes Referat mit der Aussage, dass der Ingenieurvermessung im WNA ein hoher Stellenwert zukommt.

 

Der Vortragssaal im Holiday Inn Berlin-Gesundbrunnen war mit 37 Hörern hervorragend besucht. Der sich dem Vortrag anschließenden Diskussionen war ein reges Interesse am Thema zu erkennen.

 

Badstübner

 

http://www.wna-berlin.de/

http://www.wsa-b.de/wasserstrassen/schleusen/index.html

http://www.wahrzeichen.ingenieurbaukunst.de/media/broschuere_niederfinow_download.pdf