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Vortrag zur Erstellung und Genauigkeitsanalyse des Kleveschen Katasters

26.01.2016 Bezirk Essen Von Helmut Mertens vor 4 Jahr(en)


Termin: 26.01.2016 18:30
Ort: Essen


Bild 1

Bild 2

Die große Zahl von Kolleginnen und Kollegen, die der Einladung des Bezirksvorsitzenden Friedrich Koch folgend, den Vortrag von Professor Dr. Peter Mesenburg gehört haben, bestätigt das aktuell zunehmende Interesse der Fachwelt an historischen Karten und Zusammenhängen.

Urheber des Klevischen Katasters war der berühmte preußische Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I (1688 -1740), *) der im Osten seines Reiches, von Königs Wusterhausen aus, die Regierungsgeschäfte mit großem Fleiß und wenig Pomp erfolgreich leitete. (Höfische Ausgaben hat er massiv reduziert, die Staatsverschuldung abgebaut, die Schulpflicht eingeführt, Steuern erhöht, die Zahl der Soldaten verdoppelt und nicht zuletzt die „Langen Kerls“ angeworben und gut bezahlt).

Die Steuern in Preußen waren nicht nur die höchsten im Vergleich zu den meisten Nachbarländern, das größere Ärgernis bestand wohl darin, dass sie als ungerecht empfunden wurden, was in Kleve, dem äußersten Westen des Reiches, zu Unruhen führte, die auch im Osten ernst genommen wurden. Und was macht der Soldatenkönig, Herr der „Langen Kerls“, der für die hohen Steuern verantwortlich ist? Er schickt keine bewaffneten Einheiten nach Kleve, um seine Untertanen zur Raison zu bringen, sondern Landvermesser, mit dem Auftrag, durch Aufbau eines Katasters für Steuergerechtigkeit und damit für Ruhe zu sorgen. Und zwar, wie das bei Friedrich Wilhelm I üblich war, "cito, citissime!" (schnell, am schnellsten).

Und die Kollegen waren nicht nur schnell, sondern offenbar auch erfolgreich. In den Jahren von 1732 bis 1738 erstellten sie für das Herzogtum ein vollständiges Kataster einschließlich einem Kartenwerk im Maßstab 1: 2000 **), ***).

Die Wurzeln des Katasterwesens gehen zwar bis in das Altertum zurück, in Deutschland fanden jedoch erst in der Neuzeit größere Vermessungsarbeiten statt, so wurden im rheinisch-westfälischen Raum ab dem 17. Jahrhundert Grundstücke in so genannte Messbücher (ohne Karten), eingetragen.

Bei den Klevischen Karten handelt es sich also ohne Frage um besonders wertvolle historische Dokumente. Das Gemeindearchiv Schermbeck ist in der glücklichen Lage, im Besitz dieser Ur-Karten zu sein. Aber nicht nur hier liegen wertvolle alte Karten, sondern sie sind in der BRD auf viele Archive, Bibliotheken, Museen und sonstige Institutionen verteilt – und es gibt bislang keine einheitlichen und sachgerechten Erschließungskriterien, nach denen sie ausgewertet werden könnten. In diesem Zusammenhang hat Herr Prof. Mesenburg in Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Rheinland für die Schermbecker Karten eine Untersuchung zur geometrischen Genauigkeit der Katasterdarstellung im 18. Jahrhundert durchgeführt. Nachdem er sich anfangs – nach eigenem Bekunden – etwas zurückhaltend mit der Aufgabe befasste, gelangte er dann zu der auch für ihn überraschenden Erkenntnis, dass es unter Nutzung einer frei zugänglichen Software erstaunlich unproblematisch ist, die eingescannten, historischen Pläne in aktuelle Referenzsysteme wie OSM (Open Street Map) oder ALK (Automatisierte Liegenschaftskarte) einzupassen und damit für weitere Auswertungen zu erschließen.

Das als Freeware unter http://mapanalyst.org/ kostenlos bereitstehende Programm MapAnalyst löst diese Aufgabe auf sehr elegante Weise. Es läuft unter Windows, OS und Linux.

Authors: MapAnalyst is developed and maintained by Bernhard Jenny, RMIT University, Melbourne. Some parts were contributed by Adrian Weber, then at ETH Zurich. Most programming was carried at the Institute of Cartography and Geoinformation of ETH Zurich. This website is maintained by Bernhard Jenny.

Und was nicht selbstverständlich ist, der Autor sorgt nicht nur dafür, dass das Programm aktuell bleibt, er ist bei Bedarf auch persönlich erreichbar.

Tests mit „MapAnalyst “ergaben, dass die fast 300 Jahre alten Karten und die Katastergegenwart in allen untersuchten Bereichen über mehr als ausreichende Übereinstimmungen verfügen, so dass die Einpassung in aktuelle Karten kein Problem bereitet.

In einem 2-geteilten Fenster zeigt MapAnalyst links die zu analysierende und rechts die Referenzkarte. Die Teilfenster sind beide je für sich zoom-bar, identische Punkte werden jeweils mit der Maus angeklickt. Die Fehlervektoren können direkt am Bildschirm kontrolliert werden.

Gebäude, Grundstücksgrenzen, Wege, Gewässer, mit etwas Übung findet man identische Linienzüge und Punkte.

siehe Bild 1

Bei der simultan ablaufenden Helmert-Transformation kann man wählen zwischen 4, 5 oder 6 Parametertransformation. Die sich ergebenden Abweichungen bewegen sich jeweils in vergleichbarer Größe.

Die Analyse der Klevischen Karten ergab folgende Genauigkeitswerte:

siehe Bild 2

3,4m, das entspricht z.B. 1,7mm auf einer Karte im Maßstab 1:2000. Für den vorgesehenen Zweck ist das völlig ausreichend.

Die „Fehler“ der obigen Tabelle sind aus Kartiergenauigkeit, Papierverzug, Digitalisiergenauigkeit u.ä. Einflüssen zu erklären. Um die Genauigkeit der Ur-Messung zu beurteilen, müssten ggf. gesonderte Untersuchungen durchgeführt werden.

Ein Vergleich mit der Differenz zwischen Magnetisch Nord und Geographisch Nord im Bereich der südlichen Lippe von 1730 führte zu dem Ergebnis, dass eine Bussolenmessung als Grundlage zur Orientierung der Karten des Klevischen Katasters ausgeschlossen werden kann.

Durch die integrierte Dokumentation und learning by doing kann man die Software innerhalb von zwei Tagen sicher bedienen. Bei fehlenden Englischkenntnissen ist ggf. ein kostenloser Online-Übersetzer wie „bing translator“ hilfreich.

Im Verlauf der abschließenden, lebhaften Diskussion konnten viele Teilnehmer zum Gelingen des Abends beitragen.

Im Namen des VDV Bezirks Essen möchte ich Herrn Professor Mesenburg noch einmal ganz herzlich für den interessanten Vortrag und die Unterstützung bei der Erstellung dieses Berichtes danken.

*) http://www.welt.de/geschichte/article113882412/Der-Soldatenkoenig-pruegelte-seine-Beamten-zur-Arbeit.html

**) s. Die ältesten handgezeichneten Kartenwerke des Gemeindearchivs Schermbeck. Bearb. v. Neuheuser, Hanns Peter. 2008. 404 S., 1 Faltkte, 22 cm. (Inventare nichtstaatlicher Archive, 46) Bestell.-Nr.: 978-3-7749-3625-6

***) Das Urkataster – Eine kaum beachtete Quelle zur Heimat- und Familienforschung
http://www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/servicefuerfamilienforschung/kreucher_urkataster.pdf