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Werksbesichtigung Firma VALLOUREC & MANNESMANN TUBES

21.06.2012 Bezirk Düsseldorf Von Gerhard Vaupel vor 7 Jahr(en)


Termin: 21.06.2012 09:00-14:00
Ort: Düsseldorf


Für die Werksbesichtigung mit Audio-Technik ausgestattet

Aus rotglühenden Stahlblöcken nahtlose Rohre walzen – Besichtigung des Werks Vallourec & Mannesmann


Die Landeshauptstadt Düsseldorf ist neben den Spitzenpositionen in der Dienstleistungsbranche auch ein erfolgreicher Industriestandort. Im Stadtteil Rath werden schon seit 1899 nahtlose Mannesmann-Rohre hergestellt, die nicht geschweißt und damit besonders belastbar sind. Eingesetzt werden die Rohre in der Energieindustrie als Bohrgestänge und Leitungen, in der Chemie, im Maschinen und Stahlbau, im Fahrzeug- und Schiffsbau und auch in der Bauindustrie. Produziert wird eine Werkstoffpalette von unlegiert bis zum Premiumstahl im Abmessungsbereich von 193,7 bis 711 mm Außendurchmesser, sowie 6,3 bis 110 mm Wanddicke. In diesem Segment erreicht das im Jahr 1997 als Joint Venture der Vallourec Gruppe und der Mannesmann-Röhrenwerke gegründete Unternehmen Weltrang.


Der Bezirksvorstand hatte die Kolleginnen und Kollegen herzlich eingeladen, sich im Besucherzentrum über das Unternehmen VALLOUREC & MANNESMANN TUBES zu informieren und an den Produktionsstätten des Spezialisten für nahtlose Stahlrohre unmittelbar den Herstellungsvorgang an der ‚Pilgerstrasse’ zu verfolgen. Initiator und VDV-Kollege Ralf Kowalski von der Firma Spiekermann AG ermöglichte uns Einblicke in seine messtechnischen Aufgaben und einige spezielle Herausforderungen dazu.


Begrüßt wurden wir zwölf Kolleginnen und Kollegen vom Leiter Instandhaltung Mechanik des Pilgerwalzwerks Herrn Bargel und von Herrn Rolke, der den Einführungsvortrag hielt und uns auch im Anschluss an eine Filmvorführung über das Unternehmen mit Audio-Technik ausgestattet durch das Werk führte. Hier begannen die Brüder Reinhard und Max Mannesmann im Jahr 1899 mit der Produktion von nahtlosen Stahlrohren. Heute nach mehr als 100 Jahren stehen wir in einem der größten und leistungsfähigsten Pilgerwalzwerke der Welt, wo nur noch wenige Arbeiter am ‚heißen Rohr’ tätig sind, die meisten Arbeitsschritte verlaufen automatisiert und werden von Steuerständen aus überwacht.


Aus dem Drehherdofen vor uns rollt rotglühend ein auf 1300 °C Umformtemperatur erhitzter, runder 6500 Kilo-Stahlblock. Ein riesiger Greifarm versenkt den 2,5 Meter hohen Block zur Vorlochung in der Lochpresse. Wenig später schwebt er vor uns hinüber zum ‚Schrägwalzwerk’, wo er zum Hohlblock ausgewalzt wird und danach zum ‚Pilgerwalzwerk’. Der Name des Verfahrens leitet sich von der Echternacher Springprozession ab, wo der Zug sich abwechselnd drei Schritte vor und zwei zurück bewegt. Mit einer definierten 100-300fachen Takt- und Bewegungsfolge wird der Hohlblock auf dem sorgfältig geschmierten Pilgerdorn ausgewalzt. In zehn Minuten wird unter ohrenbetäubendem Lärm und heftigen Erschütterungen des Werksbodens aus dem Rohling eine bis zu 36 Meter lange nahtlose Röhre ‚fertiggepilgert’.


Kaum zu glauben, dass die verrußten Maschinen des Fertigungsprozesses nagelneu sind. ‚Sie wurden erst vor wenigen Monaten aufgebaut und vermessungstechnisch eingerichtet’ schaltet sich VDV-Kollege Ralf Kowalski ein und erklärte, bei der kompletten Sanierung mussten hier 5000 cbm Fundamente - teilweise noch aus dem Jahr 1922 – weggestemmt werden. Das neue Fundament ist 6 m stark und mit 4 m tiefen Hochdruckinjektionssäulen weiter nach unten gegründet. Die Stoß-Entkoppelung an den Hallenwänden sorgt dafür, dass die gewaltigen Kräfte nicht im angrenzenden Stadtteil spürbar werden. Dementsprechend sind auch die vier Vermessungspfeiler in der Halle zehn Meter tief gegründet und mit einem gelben Warnanstrich und armdicken Schutzrohren gut gesichert, denn sie sind Teil des Grundlagennetzes für die vermessungstechnische Betreuung.


Besonderer Dank gilt Herrn Rolke für die gelungene Werksführung, bei der er mit Fachwissen glänzte und immer wieder Erfahrungsschätze aus der Zeit dieser technischen Pionierleistung einstreute. Zwei Aspekte daraus sind besonders bemerkenswert: Ausbildung - Der Vater von Reinhard und Max Mannesmann hatte nach vielen vergeblichen Versuchen in Remscheid richtig erkannt, dass die großen technischen Verbesserungen, die gefunden werden mussten, neben allem anderen ein die solide Praxis ergänzendes Ingenieurwissen erforderten. Daher haben beide gegen alle Gewohnheiten bergischer Kaufmanns- und Fabrikantenfamilien technische Hochschulen besucht. Sicherheit - Mit der Erfindung der Dampfmaschine und deren Anwendung (z.B. in der Schifffahrt) ereigneten sich aufgrund von platzenden Rohren schwere Explosionen mit vielen Todesopfern und erheblichen Sachschäden, allein im Deutschen Reich weist die Statistik in zehn Jahren 155 Dampfkesselexplosionen auf. Die Bürger in Köln hatten sogar Angst um die Unversehrtheit Ihres Doms und drängten auf die Zertifizierung der auf dem Rhein verkehrenden Dampfschiffe. Ein Vorläufer des heutigen ‚TÜV’ entstand und sorgte mit dafür, dass fortan in Dampfkesseln sichere nahtlose Mannesmann-Stahlrohre eingesetzt wurden.


Zum guten Schluss konnten die Teilnehmer bei einem gemeinsamen Essen in der Werkskantine ihre vielfältigen Eindrücke über die Erfinder und ihre Erfindung unmittelbar austauschen.


Gerhard Vaupel